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Die Pfleggasse

Komm in das Herz der Stadt!

Die Pfleggasse

Die Lage der Pfleggasse
Die Pfleggasse, war immer und ist auch heute eine gute Adresse der Deggendorfer Innenstadt. Im Unterschied zur bis Schaching verlängerten Bahnhofstraße hat sie noch ihre historische Ausdehnung. Sie reicht vom Luitpoldplatz bis zum ehemaligen Stadtgraben. Früher wurde sie durch eines der vier Deggendorfer Stadttore, das Kram- oder Pflegtor, abgeschlossen. Beim großen Stadtbrand von 1822 wurde dieses Stadttor schwer beschädigt und deshalb anschließend abgerissen.

An der rechtsseitigen Ecke Pfleggasse/Stadtplatz hatte zu Beginn des 14. Jahrhunderts Herzogin Agnes, die 1316 einen Stadtrechtsbrief für Deggendorf ausstellte, ihren Witwensitz. 1425 kaufte die Stadt von Ruger Pfeil zu Haslbach dieses Eckhaus „samt dem clainen Heuslen hinden daran“ für 150 Pfund Regensburger Pfennig, um es als Rathaus zu nutzen.. Vorher war dieses gegenüber, wo sich heute die Buchhandlung Högn befindet, untergebracht. Hier fanden seit 1425 die Wohnung des Stadtschreibers, des wichtigsten städtischen Beamten, und das Archiv Platz. Später, bis zum Jahre 1804, war es das städtische Waaghaus.

Die Rolle im Lauf der Geschichte
Bereits im Mittelalter wurde die Gasse namentlich erwähnt. Sie hieß damals Kramgasse, weil besonders viele Krämer und Handelsleute hier ihre Häuser hatten. Am 11. Dezember 1410 ließ Herzog Johann III. von Straubing-Holland in der Kramgasse (heutige Hausnummer 18) ein repräsentatives Gebäude einschließlich des dazu gehörigen großen Gartens für 100 Pfund Regensburger Pfennig kaufen. Der Kauf wurde vom Stadtkammerer Hugo dem Neytthard und Caspar dem Reikker, Richter zu Deggendorf, besiegelt. Verkäufer war der Deggendorfer Bürger Ulrich Verg, der seinerseits dieses Haus am 29. April desselben Jahres von Hans Degenberger zum Degenberg, Erbhofmeister in Niederbayern, für 100 Pfund Regensburger Pfennig und 2 Fuder Osterwein (österreichischen Wein), der anlässlich des Kaufes getrunken wurde, erstanden hatte. Es wurde deshalb nach dem Vorbesitzer auch als Degenbergerhaus bezeichnet.

Das Degenbergerhaus als Sitz der Beamten
Das Haus und seine Nebengebäude wurden einer Generalreparatur unterzogen, um es als Amtsgebäude für das Pfleggericht und den Kastner nutzen zu können. Laut der herzoglichen Kastenrechnungen von 1424/25 wurden allein in diesem Rechnungsjahr beschädigte Mauern neu gemauert, das Dach von Haus und Stadel mit Schindeln neu gedeckt, das Haustor repariert, neue Fenster mit Eisenstangen davor eingesetzt und verglast sowie der Gartenzaun ausgebessert. Der Hauptraum, die Stube, erhielt einen neuer Holzfußboden und eine neue Tür mit Eisenbeschlägen, neuem Schloss und neuer Türklinke. Die Wände wurden mit Brettern getäfelt, und es wurde ein Ofen gesetzt. Die Innenausstattung wurde durch Bänke und Regale zur Aufbewahrung von Geschirr und Werkzeug erweitert. Der Hausbrunnen – eine Wasserleitung gab es hier noch nicht – wurde überholt.
Das Degenbergerhaus wurde so Sitz der herzoglichen Beamten in Deggendorf.

Aus der Kramgasse wird die Pfleggasse
Anfangs nur für den Kastner, den herzoglichen Einnehmer der Natural- und Geldabgaben gedacht – deshalb wurde es 1425 als Kastenhof bezeichnet –, wurde es bald zum Pfleghaus, in dem der herzogliche bzw. kurfürstliche Pflegrichter bis 1799 seines Amtes waltete. Pfleggericht bedeutete, dass Justiz und Verwaltung, die ursprünglich mal getrennt waren, in einem Amt vereint waren. Da das bis dahin einheitliche Deggendorfer Pfleggericht durch die Aufteilung des Herzogtums Straubing-Holland in die Pfleggerichte Deggendorf links der Donau (zu Bayern-München gehörend) und Natternberg rechts der Donau (als Teil von Bayern-Landshut) getrennt wurde, konnte der Deggendorfer Pflegrichter nicht mehr wie bisher auf dem Natternberg residieren. Die Kramgasse erhielt nun nach dem herzoglichen, später kurfürstlichen Pfleggericht die Bezeichnung Pfleggasse.

1799 wurde das Pfleggericht in Landgericht umbenannt, ohne die doppelte Aufgabenstellung zu ändern. Es blieb weiter im selben Gebäude. Erst 1862 wurde die Trennung von Justiz und Verwaltung auf der unteren Ebene vollzogen, indem Landgerichte für die Rechtsprechung und Bezirksämter (heutige Landratsämter) für die allgemeine Verwaltung gebildet wurden. Im staatlichen Gebäude Pfleggasse Nr. 18 waren so nacheinander das königliche Landgericht, das Bezirksamt bzw. Landratsamt untergebracht. Heute ist es eines der Amtsgebäude des Deggendorfer Finanzamtes. Bausubstanz aus dem 15. Jahrhundert ist nach den großen Stadtbränden und zahlreichen Umbauten allerdings nicht mehr erhalten.

Städtische Einrichtungen
In der Pfleggasse befanden sich auch einige städtische Einrichtungen, so an der Stelle von Nr. 5 (heute Holland Blumen) das städtische Zeughaus, das um 1766 abbrannte. In Nr. 28 (heute Allegro) war im 19. Jahrhundert zeitweilig das Bürgergefängnis, in dem allerdings mitunter auch Geisteskranke eingesperrt waren. Im benachbarten Haus Nr. 30 (heute Kältetechnik Leopold) war ab 1884 das städtische Leihhaus untergebracht. Wie in der Bahnhofstraße lag in der Pfleggasse Nr. 23 (heute Atlanta Reisebüro) seit 1491 eines der städtischen Bäder, das Krambad, wo ein Bader bis 1841 seine Heilbehandlungen durchführte.

Die Pfleggasse war bevorzugtes Wohngebiet für die Stadtkammerer. Auch Propstrichter der niedermünsterischen Propstei wie Bartholomäus Kuhberger und Andreas Engelhardt besaßen hier Ende des 17. Jahrhunderts Hauseigentum (Nr. 17, heute Hötzl Wollstube). Später besaß dieses Haus der Organist Estendorfer.

Handel und Gewerbe in der Pfleggasse
An der Pfleggasse lässt sich gut verfolgen, dass bestimmte Handwerks- bzw. Handelsgewerbegerechtigkeiten immer mit einem bestimmten Haus verbunden waren. So saßen in Nr. 4 (heute Kasamandl) seit 1654 die einzigen Goldschmiede der Stadt, auf Haus Nr. 7 Tuchmacher und Händler, in Nr. 6 und in Nr. 19 seit 1689 Bäcker. Die Häuser Nr. 9, 12 bis 16 waren Gasthäuser. In Nr. 9 war der Brauerei-Gasthof Sesselsberger. Auf diesem Grundstück wurde 1986 von der Stadtarchäologie ein bedeutender Münzschatz aus dem Dreißigjährigen Krieg gefunden. Der wahrscheinlich 1633 vom Gastwirt Antoni Nöpaur vergrabene Schatz zeugt davon, dass er Geldstücke aus weiten Teilen Europas einnahm. So wie wir heute an der Verbreitung der Euros verschiedener Länder hier in Deggendorf auf die Mobilität schließen können, so auch bei diesem historischen Münzschatz. Die Münzen stammen aus Bayern und den habsburgischen Ländern Niederösterreich, Kärnten, Steiermark, Tirol, Böhmen und  Schlesien, aus den süddeutschen Reichsstädten Augsburg, Nürnberg, Regensburg, Straßburg und Ulm, aus Württemberg, aus der Schweiz, aus zahlreichen hessischen und rheinischen Territorien, aber selbst aus Lübeck, Schweden, Ostpreußen, Polen, England, aus den Niederlanden und aus der Lombardei sind einzelne Münzen vertreten.

Traditionsfamilien und -betriebe
Die Wurzeln verschiedener Deggendorfer Firmen liegen in der Pfleggasse. Am 11. Dezember 1771 kaufte Franz Johann Adam Krauth von der Katharinenstiftsverwaltung ein kurz zuvor zwangsversteigertes Haus in der Pfleggasse (heute Nr. 7) mitsamt der darauf liegenden Krämergerechtigkeit. Damit begann die über zweihundertjährige Geschichte des Kaufhauses Krauth. Der Begründer des Geschäfts wandte 1 325 Gulden und 2 Taler Leihkauf für den Erwerb des Hauses und der Gewerbelizenz auf. Mit „Leihkauf“, auch „Weinkauf“ genannt, bezeichnete man übrigens die Summe, die mit den Zeugen vertrunken bzw. verzehrt wurde, wodurch ein formloser Vertrag seine Rechtskraft erlangte. 1816 übernahm der Kaufmann Bartholomäus Crusilla dieses Haus. Noch heute befindet sich hier die Crusilla GmbH.

1860 gründete der Buchbinder Andreas Högn seine Buch-, Papier- und Schreibwarenhandlung, seit 1873 besitzt die Firma das Haus Pfleggasse Nr. 1. 1857 wurde in der Pfleggasse mit der Marienapotheke die zweite Deggendorfer Apotheke  eröffnet.
In der Pfleggasse Nr. 30 wurden die ersten Deggendorfer Zeitungen gedruckt. Jakob Kollmann, ein Nachkomme des bekannten Stadtphysikus, begründete hier 1844 das „Deggendorfer Wochenblatt“, nachdem ein erster Versuch 1835 nach einigen Nummern eingestellt werden musste. Der „Deggendorfer Donaubote“ –  er bestand seit 1871 – wurde von seinem neuen Besitzer Josef Nothhaft seit 1893 ebenfalls in der Pfleggasse, im schon erwähnten Haus Nr. 17, herausgegeben. Die Zeitung bestand bis 31. Oktober 1954.

In dieser Straße wurde auch das erste Deggendorfer Kino eröffnet, im Schwarzmann-Saal, dem damals größten Saal der Stadt, wo auch Konzert-, Theater- und Tanzveranstaltungen sowie politische Kundgebungen stattfanden. Heute befindet sich dort das Kino „Schwali“.

Zerstörung durch Brände
Die Pfleggasse war von jedem großen Stadtbrand betroffen. Besonders die letzten Brandkatastrophen 1743 und 1822 haben alle alte Bausubstanz zerstört. Dennoch sollte man an dem einen oder anderen Haus nicht achtlos vorbeigehen. Die Fassade von Nr. 8 ist beispielsweise durch schöne Jugendstilornamente geschmückt.

Der Volksmund und die „Saugasse“
In der Pfleggasse fand bis 1962 auch der Ferkelmarkt statt, weshalb sie im Volksmund scherzhaft Saugasse genannt wurde. Daran erinnert die von Andreas Sobeck geschaffene und 2002 aufgestellte Bronzeplastik der Sau „Rosa“.

Die Pfleggasse heute
2007 wurde die Pfleggasse neu gepflastert und erhielt neue Straßenlampen. Parkplätze und Seitenstreifen mit Außensitzen für die Gaststätten wurden freundlicher gestaltet. Die Pfleggasse ist zu allen Jahreszeiten eine belebte und beliebte Geschäftsstraße, in der man gut einkaufen und gut essen gehen kann. Wichtige Dienstleister wie Steuerberater, Ärzte und Physiotherapeuten haben ihre Kanzleien und Praxen in der Pfleggasse.

Für die Vorlage für diesen Text danken wir Prof. Dr. Lutz-Dieter Behrendt, Stadtarchiv Deggendorf

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